HERMANN
SCHÄFER (1906-1936) - Ein Künstlerleben zwischen Tempo und Tango
Andreas
Gabelmann
„Die
Kunstgeschichte wird den Namen Hermann W. Schäfer vorläufig kaum nennen; der
Kunst wird er mit einzelnen ausgereiften Stücken trotzdem angehören." So lautete
die lapidare Feststellung im Nachruf auf den im Oktober 1936 jung und
unerwartet verstorbenen Maler und Grafiker. In der Tat gerieten Leben und Werk
des Künstlers nach dessen frühem Tod und der Gedächtnisausstellung von 1938
rasch ins Abseits und waren, nicht zuletzt bedingt durch die prekären
Zeitumstände des Nationalsozialismus und die Wirren des Zweiten Weltkrieges,
schon bald der Vergessenheit preisgegeben. Angesichts von Qualität und Umfang
des künstlerischen Gesamtwerkes muss dies aus heutiger Sicht überraschen. Ein
kurzes, gleichwohl intensives und facettenreiches Künstlerdasein, geprägt von
großer Lebenslust und dynamischer Schaffensfreude kennzeichnete das Wirken von
Hermann Schäfer. Gemessen an der nur rund ein Jahrzehnt umspannenden Schaffensdauer
hat er ein äußerst bemerkenswertes, vielgestaltiges Oeuvre hervorgebracht, das
zu den eigenständigsten Leistungen in der rheinländischen Kunstgeschichte der
frühen Moderne zählt, das sich jedoch der eindeutigen Zuordnung zu einer
bestimmten Stilrichtung sperrt.
Die
wenigen bekannten Lebensstationen sind rasch erzählt. 1906 in Braubach als Sohn
des Schriftstellers Wilhelm Schäfer (1868-1952) geboren, bekundete Hermann
Schäfer bereits als Schüler ab 1911 erste schöpferische Ambitionen im Zeichnen
und Malen, die im Internat der Odenwaldschule bei Heppenheim durch den
Schweizer Kunsterzieher Fritz Frei Unterstützung und Förderung erfuhren. Durch
Vermittlung des Vaters kam Schäfer 1923 als viel versprechendes Talent an die
Badische Landeskunstschule nach Karlsruhe, wo er bis 1925 den Unterricht in der
Malklasse des Akademiedirektors August Babberger (1885-1936) besuchte, ergänzt
um Studien in der Zeichenklasse von Hermann Gehri (1879-1944) und
druckgrafische Versuche bei Walter Conz (1872-1947). Entgegen den Vorschlägen
des Vaters, die künstlerische Ausbildung in München oder Düsseldorf
fortzusetzen, entschloss sich Hermann Schäfer zum weiteren Studium an der
Stuttgarter Kunstakademie, wo er bis 1927 die Klasse von Heinrich Altherr
(1878-1947) besuchte. Doch ähnlich unzufrieden mit den akademischen
Lehrinhalten wie zuvor in Karlsruhe, kehrte Schäfer auch Stuttgart den Rücken
und siedelte 1927 vorübergehend in das Elternhaus nach Vallendar bei Koblenz
über, bevor er auf Empfehlung des Vaters noch im gleichen Jahr eine Lehre im
Atelier des Kölner Malers Johannes Greferath (1872-1946) begann, die er 1928/29
abschloss. Nach Beendigung der Studien- und Lehrjahre nahm Schäfer zur
Sicherung des Lebensunterhaltes ab 1931 eine Stellung als freier Mitarbeiter
beim „Koblenzer Nationalblatt" an, wo er als Pressezeichner tätig war.
Jene Betätigung als Pressegrafiker fand 1935 mit dem festen Engagement bei der
„Rheinisch-Westfälischen Zeitung" in Essen eine Fortsetzung. Schäfer zog
nach Essen und beabsichtigte, seine langjährige Lebensgefährtin Hedwig Bauer zu
heiraten. Im September 1936 erkrankte Hermann Schäfer an heftigen Kopfschmerzen
mit Lähmungserscheinungen und musste im Oktober in das Krankenhaus nach Koblenz
gebracht werden, wo ein Gehirntumor festgestellt wurde. Die anschließende
Operation erfolgte im Krankenhaus von Würzburg. Nach Herzversagen starb Hermann
Schäfer dort am 23. Oktober 1936. Der frühe Tod ereilte den Künstler völlig
unerwartet im Alter von nur 30 Jahren auf der Höhe seiner Schaffenskraft.
Zur
Entwicklung seines Werkes und zur eigenen Stilfindung blieb Hermann Schäfer nur
ein Jahrzehnt. In der Zeitspanne zwischen 1924 und 1936 entfaltete sich sein
Kunstschaffen in faszinierender Intensität und Vielfalt, getragen von dem
unbedingten Willen zum schöpferischen Tun. Im Zentrum seines künstlerischen
Interesses stand stets das Bild des modernen Menschen im gesellschaftlichen,
kulturellen und politischen Kontext seiner Zeit. Besondere Affinität pflegte
Schäfer zur ambivalenten und spannungsreichen Erfahrungswelt des
großstädtischen Vergnügens und der sportlichen Herausforderung. Ein breites
Motiv- und Themenspektrum, ausgedrückt in den Bildtechniken Malerei, Zeichnung
und Druckgrafik, bestimmte sein Schaffen: klassische Gattungen wie Porträt,
Landschaft, Stillleben und Architektur finden sich darin ebenso wie
Darstellungen von rasanten Auto-, Motorrad- und Radrennen, von alpinem Skisport
und buntem Jahrmarkttreiben, lärmenden Bar- und Kneipenszenen, lebhaften
Varietebühnen und spektakulären Zirkusdarbietungen, turbulenten Tanz- und
Jazzabenden, Cafehäusern mit feinen Damen und galanten Herren der höheren
Gesellschaft sowie nächtlichen Theater- und Kinokulissen. Jene beflügelnde
Existenz zwischen Tempo und Tango war Schäfers ureigenes Aktionsfeld.
Vervollständigt wird sein eindrucksvolles Werk durch eine Fülle an
Werbegrafiken, Illustrationen und Bilderzählungen. Von einer klaren und
eindeutigen Unterscheidung in Früh-, Haupt- und Spätwerk kann im Falle von
Hermann Schäfer aufgrund der allzu knapp bemessenen Schaffensdauer nicht
gesprochen werden. Angesichts der überschaubaren biographischen Daten sowie der
spärlichen Selbstaussagen des Künstlers zu seinem Denken, Fühlen und Handeln
muss unser Blick vorrangig der Befragung der geschaffenen Bildwerke gelten.
Die Anfänge - Studienjahre in Karlsruhe und Stuttgart 1923
bis 1927
Ausgestattet
mit Gespür und Talent für bildnerisches Gestalten - eine Begabung, die dazu
führte, dass Schäfer bereits als Neunjähriger mehrere Pastellzeichnungen „durch
die Jury in eine Kunstausstellung bringen" konnte - nahm Hermann Schäfer
im Herbst 1923 sein Studium an der 1854 gegründeten, 1920 neueröffneten
Badischen Landeskunstschule in Karlsruhe auf. Die Möglichkeit zur
künstlerischen Ausbildung an der traditionsreichen und angesehenen Karlsruher
Akademie verdankte der erst 17jährige der Fürsprache des Vaters, der mit dem
dort tätigen Malerprofessor und Direktor August Babberger seit 1915 eng
befreundet war.
Die
Einflüsse durch die Karlsruher Lehrer Babberger, Gehri und Conz auf Schäfers
anfängliches Schaffen müssen jedoch als äußerst gering eingestuft werden.
Babbergers Kunstlehre zielte in erster Linie auf die Verklammerung von Malerei
und Architektur zugunsten einer neuen, zeitgemäßen Einheit von freier und
angewandter Kunst. Im Mittelpunkt seines Unterrichts stand die menschliche
Figur und deren expressivdekorative Einbindung in monumentale
Flächengestaltungen von Wandbildern, Glasfenstern und Bildteppichen mit
allegorischem Aussagegehalt. Am ehesten profitierte Schäfer von Babbergers
Kompositionslehre zum Bildaufbau, die auf strenge Rhythmik der Form und klare
Einfachheit der Gesamtwirkung angelegt war. Ansonsten aber lagen dem jungen
Malschüler die pathetische Weltsicht und die „fanatische" Lehrart
Babbergers „durchaus nicht", wie sich Wilhelm Schäfer erinnerte. In der
Radierklasse von Walter Conz erhielt Schäfer die Gelegenheit zur Erprobung
verschiedener Drucktechniken. Sichtbares Ergebnis dieser experimentierfreudigen
Bemühungen ist die frühe, auf 1924 datierte Kaltnadelradierung, auf der Schäfer
mit energischem, erstaunlich treffsicherem Strichgestus und der ausdrücklichen
Bemerkung „Auf dieser Platte habe ich probiert" eine Vielzahl von
Selbstbildnissen in unterschiedlichen Ansichten und Situationen festhielt. Das
Verfahren der Ätzradierung, die das Drucken von größeren Flächen mit fast
malerischen Hell-Dunkel-Effekten erlaubt, artikuliert sich in dem souverän
ausgeführten Blatt „Straßenbahn in Karlsruhe" von 1925, das eine der
ersten städtischen Straßenszenen im Gesamtwerk des Künstlers darstellt.
Gänzlich unbeeindruckt blieb Schäfer hingegen von den lyrisch-poetisch
gestimmten, sentimental verklärten Landschaftsschilderungen, die im Schaffen
seines Lehrers Conz den Schwerpunkt bildeten. Resultate aus dem
Zeichenunterricht bei Hermann Gehri dürften in die detailreich und erzählerisch
intendierte Tuschfederstudie „Selbstbildnis vor Spiegel" von 1925
eingeflossen sein. Wie auch in den übrigen, mit selbstbewusster Attitüde
vorgetragenen Selbstbildnissen von 1923 zu beobachten, äußert sich hier schon
früh ein ausgeprägtes Interesse an der eigenen Person und der inneren
Befindlichkeit, das in den Folgejahren zu einer Vielzahl an künstlerischen
Selbstbefragungen in verschiedensten Lebensetappen führen sollte.
Ebenfalls
während der Karlsruher Studienzeit entstanden Arbeiten, die schon deutlich
Schäfers typische, ironisch gefilterte und sarkastisch gebrochene Sicht auf die
Dinge anklingen lassen. Mit karikaturhaft-bissigem Unterton versehen und von
humoristischem Ausdruckswollen durchdrungen, begegnen uns großzügig und akkurat
gezeichnete Einzelblattstudien wie „Operation" und launig-anekdotenhafte
Bild-Serien wie „Bergwanderer" von 1924. Gerade im Letztgenannten
präsentiert sich Schäfer als scharfsinniger und kritischer Beobachter menschlicher
Verhaltensweisen und übertrug die jeweiligen Wandertypen zwischen Freizeitspaß
und Extremklettern mit realitätsnahem Zeichenstil in liebevoll spöttische
Interpretationen des Gesehenen. In den Arbeiten der Karlsruher Jahre kündigt
sich ebenso Schäfers zeitlebens verfolgte Begeisterung für das Hochgebirge an,
die ihre Wurzeln in den seit Jugendtagen vielfach unternommenen Ski- und
Bergtouren mit der Familie hat. Sehr wahrscheinlich durch die Bekanntschaft mit
Babberger kam Schäfer um 1925 in Berührung mit der Bergwelt der Innerschweizer
Alpen, wo der Lehrer auf der Balmalp am Klausenpass seit Beginn der 20er Jahre
während der Sommermonate eine Hütte als zivilisationsferne Wohn- und
Arbeitsstätte nutzte und häufig Schüler und Freunde dorthin einlud. Schäfers
Faszination für die herbe Dramatik der unberührten, archaischen Bergnatur zeigt
sich im Aquarell „Der Claridenstock kurz nach Erschaffung der Welt", das
1925 bei einer Studienfahrt auf den Klausenpass entstand. Gleiches gilt für das
form- und farbintensive Blatt „Berglandschaft (Glarner Alpen)", in dem
Schäfer nach dem Vorbild von Babbergers expressiven Berglandschaften über die
sparsame Strichzeichnung mit kraftvollem, dynamischen Pinselduktus die
leuchtenden Farbakkorde setzte, so dass ein lebhaft bewegter Gesamtausdruck
entsteht, der dem schroffen Eigencharakter der monumentalen Landschaftskulisse
wirkungsadäquat antwortet. Mit der Aufnahme des Kunststudiums in Karlsruhe
begann Hermann Schäfer außerdem mit der Anlage von Skizzenbüchern, die über seinen
immensen zeichnerischen Fleiß Auskunft geben, die aber auch - allesamt
sorgfältig datiert - reichhaltige Einblicke vermitteln in die Dinge, die ihn
beschäftigt und berührt haben: zumeist Menschen aus seinem persönlichen
Lebensumfeld, Köpfe, Figuren, Gruppen, mitunter auch Maschinen, Tierstudien und
Landschaften. Bis zu seinem Tod sollte er etwa 120 Skizzenbücher füllen. Neben
der Öl- und Aquarellmalerei ist es somit vor allem das Medium der Zeichnung,
das Schäfers künstlerische Entwicklung von Beginn an entscheidend prägte, ihm
willkommene Ausdrucks- und Wirkungsmöglichkeiten bot sowie seinem
gestalterischen Empfinden und zupackenden Blick in idealer Weise entsprach.
Im
Sommer 1925 verließ Hermann Schäfer die einstige badischen Residenzstadt und
setzte sein Studium an der Stuttgarter Akademie bei Heinrich Altherr fort. Die
Bildwelten des Mitbegründers der „Stuttgarter Sezession" speisten sich
jedoch weniger aus der direkten Anschauung der modernen Alltagswirklichkeit,
sondern bestanden vielmehr aus meist religiös inspirierten und
visionär-symbolisch überhöhten Figurenkompositionen, die mittels
pathosgeladener Ausdrucksgebärde um die zeitlos gültige Formulierung von
Grundfragen des menschlichen Daseins kreisten. Dies musste bei Schäfer, der
bedingungslos das wahre und unverstellte, sinnlich erfahrbare und zeitaktuelle
Leben auf der Straße, in Cafes und Bahnhöfen, auf Kirmesplätzen und bei
Sportveranstaltungen, in Bars und Varietes, einfangen wollte, erwartungsgemäß
auf Ablehnung stoßen, so dass der Vater die Stuttgarter Jahre bei dem
anempfohlenen Altherr denn auch als „fehl am Platze" und „mühsame
Duldung" in Erinnerung behielt. Gleichwohl begegnete Schäfer in Stuttgart
dem neusachlichen Maler Reinhold Nagele (1884-1972), mit dem ihn fortan eine tiefe
Freundschaft verband.
Die während der Studienzeit in Stuttgart bis 1927 geschaffenen Bildfindungen
offenbaren folgerichtig alles andere als ein inhaltliches oder stilistisches
Anknüpfen an die Kunstauffassung des Lehrers. Unbeirrt von akademischen
Lehrmeinungen und etablierten Traditionen hatte Schäfer seinen eigenen Weg
eingeschlagen. In das Jahr 1927 datieren die frühesten, eindeutig nachweisbaren
Gemälde des Künstlers. Den Auftakt des malerischen Werkes markieren die
Arbeiten „Spittelsberg über Ludwigshafen am Bodensee" und „Stürzender
Motorradfahrer", begleitet von den Aquarellen „Meine erste Nacht in
Berlin" und „Selbstbildnis mit Palette, Automobil, Weinflasche,
Damenbeinen und Zigaretten", aus denen sämtlich ein souveräner und ausdrucksorientierter
Umgang mit den bildgestalterischen Mitteln spricht. Besondere Priorität genießt
der Faktor Farbe, der von Anfang an zum wichtigen Träger der Bildaussage
erklärt wurde. Eine impressionistisch anmutende, aufgelockerte Malweise,
verbunden aber schon mit dem spürbaren Willen zur formalen Vereinfachung der
Landschaftselemente, zu straffen Flächenzonen und einer Intensivierung der
Farbkontraste zu leuchtender Optik prägt den Wirkungsgehalt der sommerlichen
Bodenseekulisse bei Ludwigshafen, wo der Vater seit 1918 ein Haus auf der
Sommerhalde besaß. Die in dem frühen Landschaftsbild zutage tretende
eigenwillige Verschmelzung von malerischem Realismus und gemäßigtem
Expressionismus kennzeichnet ebenso die von furioser Dynamik und dramatischer
Suggestion durchdrungene Szene des stürzenden Motorradfahrers. Den Anlass zu
dieser außergewöhnlichen Komposition lieferte vermutlich einer der ersten
Besuche der Rennstrecke am Nürburgring, wo Hermann Schäfer seit 1927
regelmäßiger und oft gesehener Zaungast war, und später in seiner Eigenschaft
als Pressezeichner auch direkten Zugang zum Renngeschehen, zu den Wagen,
Motorrädern, Fahrern, Mechanikern und Boxengassen, hatte. Schäfer verrät in der
Unglücksschilderung des Motorradfahrers bereits jenen unbestechlichen Blick für
den einen, den absolut entscheidenden Moment, der sein gesamtes, vor allem aber
das zeichnerische Werk unverwechselbar macht. „(...) und dass selbst so
schaurige Dinge wie ein stürzender Motorradfahrer sich einer solchen Anschauung
nicht entziehen können, hat Hermann Schäfer durch zwei merkwürdige Bilder
bewiesen. (...) und so grausig es ist, wie der Stürzende von seiner Maschine in
die Luft geschleudert wird, so komisch wirkt der Umriss des dick verpackten
Körpers durch den Schrecken hindurch", schilderte der Vater Schäfers Lust
am genauen Hinschauen und an der künstlerischen Umformung dessen zum
„Grotesken".
Auf
das Gesamtwerk betrachtet stellen Selbstbildnisse die wichtigste motivische und
thematische Konstante. Über Jahre hinweg bilden sie einen anschaulichen Gradmesser
für die handwerkliche und stilistische Entwicklung, offenbaren aber auch
Selbstverständnis und Lebensgefühl des Malers. Zu den herausragenden Beispielen
zählen die frühen Selbstdarstellungen mit nächtlichen Traum-Visionen in Berlin
und inmitten der Dingwelt des bohemienhaften Künstlertums und den mannigfachen
Verlockungen der pulsierenden Metropole. Ein freier, spontaner und
spielerischer Umgang mit Raumperspektive durch simultanes Ineinanderblenden
verschiedener Realitäts- und Zeitebenen und die collageartige Montage
unterschiedlichster Objekte, die in jener Lebensphase Relevanz für Schäfers
Persönlichkeit und Kunst besaßen, bestimmen die beiden kühn komponierten
Aquarelle. Schöpferisches Tun, schnelle Autos, elegante Damen, Wein und
Zigaretten umkreisen vor grellrotem Hintergrund das Antlitz des Künstlers und
lassen uns teilhaben an seiner vitalen Ideen- und Gedankenwelt. Ein
schillerndes Kaleidoskop der Eindrücke zwischen Siegessäule und U-Bahn,
Piscator-Theater und Nobelkarosse, Reichstagskuppel und Omnibus, bestürmt den
Betrachter während Schäfers „erster Nacht in Berlin" und verleiht der
Darstellung einen ausgesprochen erzählerischen Habitus.
Neue
Perspektiven - Die Lehrzeit bei Johannes Greferath
Neuorientierung
und Weiterbildung abseits der wenig ertragreichen akademischen Lehrpfade suchte
Hermann Schäfer in den Jahren 1927 und 1928 im privaten Atelier des Kölner
Malers und Grafikers Johannes Greferath, dessen Schaffen er schon nach der
ersten Begegnung mit der Bemerkung „dieser Mann kann malen, wie ich mir Malerei
vorstelle" wertschätzte. „Und so kam mein Sohn nach seinen Akademiejahren
bei einem rechtschaffenen Meisterin die Lehre, um malen zu lernen, wie er es
wollte." Als Ergebnis dieser „Wunderkur", die Schäfer nach Aussagen
des Vaters „wie einem Stummen die Zunge, die Hand gelöst hatte" darf
zweifellos das mit impulsivem Malgestus und spachtelartigem Farbauftrag zur
düsteren Expression übersteigerte Stadtbild „Nächtlicher Friesenplatz in
Köln" von 1928 gelten. Von Greferath angeregt, erscheinen die wenigen
Farbtöne im diffusen Wechselspiel flächiger Hell-Dunkel-Kontraste aufgelöst.
Das malerische Einfangen einer regennassen Atmosphäre, verbunden mit
stimmungsvollen Lichtreflexionen und Wasserspiegelungen, offenbaren das
Weiterwirken impressionistischer Tendenzen. Greferath zählte gewiss nicht zu
den fortschrittlichsten Erneuerern der Kunst der Zwischenkriegszeit, sondern
blieb vielmehr einer realistisch-spätimpressionistischen Stimmungsmalerei
verhaftet. Und so bemerkte auch Wilhelm Schäfer den „Gegensatz zur modernen
Malerei ihrer Tage", in den Greferath und sein Zögling „notgedrungen
kamen". Ein duftig-toniger Farbvortrag und eine strikt am äußeren
Erscheinungsbild der Wirklichkeit orientierte Bildauffassung kennzeichnet
ebenfalls die um 1929 geschaffenen Kompositionen „Akrobaten" und „Im
Variete" . Wie viele seiner Generationsgenossen des frühen 20.
Jahrhunderts geriet auch Hermann Schäfer in den Bann des reizvollen Milieus von
Tanz, Zirkus und Variete. Aus dieser Ereigniswelt des gesteigerten
Lebensgefühls, erfüllt von Vitalität und Dynamik, von rauschhafter Bewegung und
ekstatischer Daseinsfreude, sollte Schäfer in den Folgejahren wesentliche
Impulse für zahlreiche Bildschöpfungen empfangen. In formatfüllender Untersicht
tritt uns die spektakuläre Hochseildarbietung entgegen. Der schwindelerregende
Blick in die Zirkuskuppel verunklärt die räumlichen Bezüge und intensiviert den
Ausdrucksgehalt des Sujets. „Im Variete" blicken wir aus dem Zuschauerraum
auf die effektvoll beleuchtete Bühnenszenerie mit Pferd, Komparse und
Wandfigur. Schäfers Blickregie setzt uns in den Mittelpunkt des Geschehens, der
Betrachter wird gleichsam zum teilnehmenden Akteur des Gezeigten.
Der
Künstler scheint eine innere Verwandtschaft mit den Gestalten der Nacht, den
Artisten, Tänzern, Musikern, Film- und Theaterschauspielern, zu empfinden.
Ebenso wie dem Aktionsfeld des Motorsports fühlte sich Schäfer dieser Halbwelt
des Tingeltangels zugeneigt. Dies dokumentieren eindringlich die Arbeiten „Der
Besen", „Akrobaten - Die drei Ladonas", „Schießbude",
„Marktschreier" und
„Schiffsschaukel", die sämtlich um 1930 entstanden. In all jenen Werken
artikuliert sich ein nuancenreich abgestufter, pastellhaft aufgehellter
Farbcharakter und stellenweise skizzenhafter Pinselschwung, der den Dingen ihre
Schärfe nimmt und einen rasch beobachteten Augenblickseindruck suggeriert.
Spätimpressionistische Naturauffassung, angereichert mit expressivem Malduktus
und gepaart mit zeitaktueller Thematik von Industrie und Technik, manifestiert sich
im Gemälde „Rheinhafen (Ruhrort)", das die menschenleere, seltsam anonyme
Kulisse des Duisburger Hafens zeigt. Die Aufgliederung eines ruhigen
Landschaftsmotivs in zarte, von Licht, Luft und Atmosphäre eingehüllte
Farbvaleurs prägt den lebhaften Ausdruckswert der zeitgleich entstandenen
Leinwandarbeit „Kanal der Königsallee in Düsseldorf“
Eigene
Wege - Das Werk bis 1936
Um
1928/29 kehrte Hermann Schäfer von Köln in „sein Nest" nach Vallendar
zurück und versuchte „das Malerdasein auf eigene Faust". Eine schwere und
unsichere Zeit brach an, deren Existenzsorgen auch durch die Anstellungen als
Mitarbeiter beim „Koblenzer Nationalblatt" und bei der
„Rheinisch-Westfälischen Zeitung" in Essen, wo Schäfer ab 1931 und 1934
als Pressezeichner tätig war, kaum gemildert wurden. „Es gab zwar noch
Ausstellungen, als ob alles wäre wie früher, aber der Besucher, der für bares
Geld ein Bild kaufte, war ausgestorben. Maler sein bedeutete nicht mehr wie
vordem, auch mit einem geachteten Namen nicht, sein gesichertes Auskommen zu
haben (...). Er sah sich auf das angewiesen, was der Staat und die
Körperschaften taten, und diese öffentlichen Krippen waren umringt",
schilderte Wilhelm Schäfer das veränderte geistig-kulturelle Klima der frühen
30er Jahre.
Zu
den bedeutenden Haupt- und Schlüsselwerken gehört das 1930 geschaffene
„Komplette Selbstbildnis", in welchem Schäfer eine spannungsreich
verdichtete Zusammenschau von künstlerischem Ich, Stadtlandschaft und
Gesellschaftsleben organisierte. Um sein maskenhaftes Brustbildnis gruppiert,
treten aus dem Dämmerlicht des Hintergrundes Jazzmusiker, Kölner Dom,
Flugzeuge, Damen, Rennwagen, Weinflaschen, Katzen und Malutensilien hervor und
umkreisen den Künstler in rotierender Bewegung. Als Gestaltungsprinzip gelangt
abermals das collagenhafte Ineinandergreifen verschiedener Blickpunkte und
Wirklichkeitsebenen zum Einsatz, aus dem sich eine turbulent verschachtelte
Unruhe und Eigendynamik entwickelt. In der radikalen Verfremdung der
herkömmlichen Perspektive sind Stilmittel des Expressionismus verarbeitet, der
in der Kunst der 20er Jahre in abgeschwächter Form weiterwirkte. Die
realistische und exakte Schilderung des Gegenständlichen wiederum verrät das
Anknüpfen an Ausdrucksweisen der Neuen Sachlichkeit, die 1925 in der Mannheimer
Kunsthalle mit der namenstiftenden Ausstellung ihren Durchbruch erlebte. Im
entscheidenden Unterschied zur Bildauffassung der neusachlichen Maler verfolgte
Schäfer jedoch keine kühle, nüchtern-objektive Wirklichkeitsanalyse und zeigt
keine glatte, illusionslose Sicht auf die Dinge. Als Ausgangspunkt und primäre
Triebkraft künstlerischer Äußerung galt ihm stets das innere Erleben, die
unmittelbare Beobachtung. Sein subjektiv gesteigertes Ausdrucksverlangen bleibt
immer spürbar, er dokumentierte das Gesehene nicht bloß, sondern unterzog es
sogleich einer hintergründigen, oftmals ironisch-provokanten Wertung. Seine
Kunst reagierte immer auf das Geschehen der diesseitigen, realen Wirklichkeit.
Insofern sind seine Bildwerke ikonographisch und stilistisch in das vielschichtige
und zeittypische Spannungsfeld zwischen Expressivem Realismus und Neuer
Sachlichkeit einzuordnen.
Am weitesten in die Richtung neusachlicher Kunst rückte Schäfer mit seinen
Stillleben - einem Bildthema, das als Leitgattung der Neuen Sachlichkeit
fungierte. Nahsichtig und detailliert erfasst, setzte er die ruhenden
Gegenstände der häuslichen Alltagsumgebung wie die Tulpenvase oder das Werkzeug
in Szene und schaltete darin gleichzeitig seine eigene Erfahrungs- und
Lebenswelt mit ein, sei es im Motiv des Varieteplakates, das die Blumen
hinterfängt, oder im Sujet der Skistiefel, die stellvertretend für Schäfers
Wintersportbegeisterung im Zentrum der Komposition stehen. Er pflegte einen
stillen, gänzlich unaufgeregten Dialog mit den schlichten Objekten und
präsentiert sich als ausgereifter Maler, der die Gegenstände in einer nur
scheinbar objektiven Art und Weise schildert. Im Unterschied zu neusachlichen
Stilllebenmalern wie etwa Rudolf Dischinger oder Alexander Kanoldt strahlt uns
weniger eine harte, metallisch wirkende Ästhetisierung entgegen, vielmehr
tauchte Schäfer das Wahrgenommene in einen warmen, weichen Glanz von
malerischem Charakter.
Im
Verlauf der frühen 30er Jahre nahm Schäfer wiederholt die eigene Person zum
Bildgegenstand und schuf die Gemälde „Selbstbildnis mit Zigarette" sowie
„Selbstbildnis als Skiläufer", die als persönliche Standortbestimmungen
des Künstlers gelesen werden dürfen. Als junger Bohemien mit Zigarette im
Mundwinkel fixiert er 1932 mit festem Blick über die Schulter sein Gegenüber,
als Skiläufer schaut er skeptisch auf uns herab. Über den expressiven
Ausdruckswert des letzteren schrieb er: „(...) und dazwischen male ich, was
mich auf der Skireise ansprach; jetzt gerade ein Selbstportrait (in Ermangelung
besserer Modelle) in ganz starken Farben. Ich will einmal versuchen, ob ich das
nicht rauskriege, wie so ein Kopf in dem strahlenden Licht steht, zusammen mit
dem buntscheckigen Skihemd und einer roten Mütze vor vollblauem Himmel. (...)
auf dem Bild soll das Gold und Blau vom Hochalppass leuchten." Einen
Kontrast zur Selbststilisierung als progressiver Individualist bildet das 1931
geschaffene „Selbstbildnis", in dem Schäfer als eleganter Herr mit Anzug
und Fliege auftritt. All jene, als klassische Brustbildnisse komponierten Selbstporträts
scheinen das Bild eines Menschen vermitteln zu wollen, der den
unterschiedlichsten Lebenssituationen und gesellschaftlichen Herausforderungen
gewachsen ist, der
Der
zu dieser Zeit in Karlsruhe tätige Hermann Schäfer hatte dort Gelegenheit, sich
einen umfassenden Überblick über die neuesten Entwicklungen der
zeitgenössischen figurativen Malerei zu verschaffen darüber hinaus aber auch
mit den jeweiligen Rollenklischees kokettiert.
Aus
dem Werkkomplex der Landschaftsmalerei der 30er Jahre ragen die nahezu gleich
großen und beinahe farbidentischen Ölbilder „Fort Helfenstein, Festung
Ehrenbreitstein" von 1932 sowie „Landschaft im Maggiatal" heraus, das
um 1934/35 während einer Reise ins Tessin entstand. In beiden Fällen
konzipierte Schäfer die Sicht auf Architektur und Natur als Überschausituation
von hochgelegenem Standort. Der kubisch verkanteten Verhärtung der
Festungsformen steht in der Tessiner Landschaft die kleinteilige Auflösung des
Motivs in rasche, flüchtig gesetzte Pinselstriche gegenüber.
Faszination
der Geschwindigkeit - Die Rennsportbilder
Schäfers
Begeisterung für enorme Schnelligkeit und modernste Technik äußert sich
nirgends eindringlicher als in seinen zahlreichen Darstellungen von Automobil-,
Motorrad- und Radrennveranstaltungen, die ihm unerschöpfliche
Inspirationsquelle und gestalterisches Experimentierfeld waren. Die
atmosphärische Spannung des Augenblicks ist im „Nächtlichen Radrennen im
Frankfurter Stadion" von 1932 fixiert, das in der gleichnamigen
Farbstiftzeichnung vor Ort vorbereitet wurde. Für zusätzliche Dynamik sorgt
neben den rhythmischen Lichtkegeln der Stadionlampen der steile Blickwinkel auf
die angeschnittene Kurve des Bahnovals. Die faszinierende Welt des Motorsports
eröffnet sich in den Schilderungen der Auto- und Motorradrennen am „Neroberg
(Wiesbaden)" sowie den zahllosen Bildzeugnissen vom Nürburgring, dessen
Attraktionen Schäfer in den Jahren zwischen 1927 und 1936 „nur einmal
versäumt" hatte. Seine Aufmerksamkeit galt dabei sowohl dem Rennverlauf
als auch den Fahrern, dem Treiben der Zuschauer wie auch den technischen
Einzelheiten und landschaftlichen Bedingungen.
Eine
geradezu bühnenhafte Inszenierung entwarf Schäfer etwa im „Nürburg
Picknick", das wartende Fans - ein „wahres Räuberlager" - am Rande
der Rennstrecke bei Regenwetter zeigt; eine treffsicher beobachtete Genreszene,
die einer gewissen Komik und Tragik nicht entbehrt. Vom virtuosen Umgang mit
Perspektive und Licht, Farbe und Linie, Gegenstand und Raum, künden besonders
die aquarellierten Papierarbeiten wie „In der Boxengasse",
„Rennfahrerbraut", „Rennmotorrad mit Beiwagen" oder „Sie kommen
(Eifelrennen)". Schäfer schöpfte nun das Ausdrucksspektrum der
Zeichenkunst zielgerichtet aus und lässt uns unmittelbar teilhaben an den vielen,
rasch beobachteten Eindrücken. Trotz aller Verve, welche die Blätter
versprühen, handelt es sich doch immer um bildmäßig angelegte, sauber und
präzise ausgeführte Arbeiten. Nicht zuletzt bedingt durch seine Tätigkeit als
Pressezeichner manifestiert sich in den Bildfindungen zunehmend Schäfers
sicherer Instinkt für entscheidende Momente. Mit dem untrüglichen Auge des
Reporters - dessen aufregende Aufgabe er in der Kohlezeichnung „Reporter beim
Motorradrennen" festhielt - notierte er rasch das Wesentliche, zeigte in gedehnter
Weitwinkeloptik sowohl den Blick auf das Große und Ganze, als auch
in
extremer Nahsicht das Gefühl für Details, so beispielsweise in der Skizze
„Tachometer", worin sich Rennstrecke, Fahrercockpit und Geschwindigkeitsanzeige
durch transparente Überlagerungen und heftige Durchdringungen zu einer
furiosen, rauschhaften Synthese steigern und zur gültigen Metapher für rasante
Schnelligkeit und technische Möglichkeiten des Motorsports werden. Auf die
Besuche bei Babberger am Klausenpass gehen sehr wahrscheinlich die frühen
Zeichnungen „In der Kurve" und „Bergrennen" von 1925/26 zurück, die
vermutlich Szenen des legendären Klausenpassrennens zeigen, das in den Jahren
1922 bis 1934 als großes automobilsportliches Ereignis die berühmtesten
Rennfahrer Europas in die Schweizer Alpen zog. Als „Temperament des geborenen
Reporters" charakterisierte der Kunstkritiker Otto Baumgart bereits 1938
treffend Schäfers rasche Auffassungsgabe und sein vitalistisches Ausdruckverlangen.
Im
Rhythmus der Epoche - Die Tanz- und Gesellschaftsbilder
Der
unbestechliche Blick auf die gesellschaftliche Wirklichkeit und die besondere
Zeitstimmung der Zwischenkriegsepoche offenbart sich eindrücklich in Schäfers
thematischer Ausrichtung auf den ruhelosen, vergnügungsorientierten
Lebensrhythmus des modernen Menschen im anregenden Gefüge der Großstadt. „Wenn
er von seinem Arbeitstisch am Fenster nach links hinab sah, lag dort Koblenz.
Dort hatte er seine Trink- und Tanzbekanntschaften, dort gab er dem Alltag, was
er von einem Künstler will, Zeichnungen in der Zeitung, Einrichtungen für
Festzüge und Fasnachtsbälle, sogar einige Wirtsräume malte er aus",
schilderte der Vater Schäfers Leben und Schaffen in der mittelrheinischen
Metropole. Zur nächsten Station in Essen schrieb er: „Als ersieh nun einen Ort
nicht mehr zum Studium, sondern zur Arbeit suchte, kam er wieder nicht auf eine
Kunststadt - auch nicht auf Berlin (...)- sondern auf Essen, die Ruhrstadt im
„Kohlenpott". Da war Leben, wie er es liebte (,..)." Im pulsierenden
Aktionsfeld des gesellschaftlichen Parketts zwischen Tanzbar und Kneipe,
Karneval und Kabarett, Zirkus und Variete, konnte Schäfer sein kreatives
Potential voll ausschöpfen; die Bilder stießen jedoch auf wenig Resonanz beim
Publikum. Über seine Beteiligung an der „Ausstellung Koblenzer Künstler"
1932 berichtete er: „In Koblenz habe ich ausgestellt, mit meinen dortigen
Kollegen, meine 7 besten Sachen. Kritiken hatte ich recht gute, in den hiesigen
Weltblättern, aber verkauft habe ich nichts. Aber das liegt an den Sujets, in
Koblenz ist „Kunst" eben: 1. „Rheinlandschaft", 2. „Blumenstück"
und 3. „Eifeldorf". Aber Radrennbahnen und Schiffschaukeln und
Straßenhändler, da kann man den Leuten nicht mit imponieren, „das sieht man doch
alle Tage"."
Sein
Herantreten an Alltagssituationen indes ist nie leidenschaftslos, immer
schwingt die starke Anteilnahme an dem Gesehenen und Erlebten mit. Und doch
hält Schäfer stets kritische Distanz zu den Geschehnissen und präsentiert sich
als scharfsinniger Beobachter, der hinter die Oberfläche der Menschen und
Vorgänge blickt und den schönen Schein demaskiert. Zu jenen Arbeiten zählen vor
allem die ironisch geprägten Blätter „Bessere Kreise" von 1932 und 1934
worin Schäfer durch die kühne Kreis- und Kurvengestaltung eine plakative und
pointierte Synthese von Inhalt und Form, Thema und Ausdruck, gelingt. Einen
bissigen Bildkommentar auf menschliche Eitelkeiten liefert das Aquarell „Der
Platzhirsch", worin die affektierten Spielregeln der feinen Gesellschaft
entlarvt und Chauvinismus offen attackiert werden. Glanz und Glamour
nächtlicher Tanzvergnügen und rauschender Festivitäten erscheinen im Fokus der
expressiv dichten Arbeiten „Dame an der Bar" und „Porza-Kabarett
(Frankfurt)" sowie „Tanzpaar", „Tanz in der Bar" und
„Karneval". Eine veränderte, gänzlich reduzierte Bildsprache bestimmt die
getuschten Aquarellstudien „Tanzpaar (gelb/rot)", die noch deutlich den
strengen Art-Deco-Stil der 20er Jahre atmen. Dynamische, raumgreifende Blickperspektiven
nutzte Schäfer in den Werken „Im Foyer" und „Programmwechsel", um das
abendliche Stadtleben zwischen Amüsement und Arbeit, zwischen vordergründiger
Glitzerwelt und dem Blick hinter die Kulissen, in Szene zu setzen. Nicht
zuletzt klingen in solcherlei Gegenüberstellungen auch die sozialen
Unterschiede in der an Gegensätzen, Spannungen und Widersprüchen reichen Epoche
der 20er und 30er Jahre an.
Dem
Leben im öffentlichen Stadtraum spürte Schäfer im Gemälde „Straßenszene in
Paris" nach, das 1933 während eines
seiner mehrfachen Aufenthalte in der Seine-Metropole entstand. Gegenüber der
locker und duftig gemalten „Straßenszene" von 1928 hat sich nun seine
Formgebung deutlich verfestigt und präzisiert. Aus sicherer Entfernung, und
doch nahe am Brennpunkt, wird ein tumultartiger Vorfall zwischen Bürgern und
Gendarmerie geschildert. Schäfers Interesse galt nicht den touristischen
Sehenswürdigkeiten von Paris, sondern den spannenden Eindrücken am Wegesrand
der Boulevards und Plätze. Gleiches gilt für die erzählerisch vorgeführte
Kulisse „Im Bistro". Immer gelingt es Schäfer, eine unverwechselbare und
typische Atmosphäre zu erzeugen, in die der Betrachter mit einem Blick
einzutauchen vermag. „Es ging ihm um die künstlerische Bewältigung der
Wirklichkeit ohne Mätzchen", beschrieb Wilhelm Schäfer den
bedingungslosen, oftmals sezierenden Blick des Malers.
Zwischen
Humor und Kritik - Die Illustrationen und Bilderzählungen
Als
stets wacher, an den Geschehnissen seiner Zeit und Umwelt aktiv interessierter
Künstler präsentiert sich Hermann Schäfer in den vielen Illustrationen und
Bilderzählungen. „Aber ich komme ja mit meiner ganzen Arbeit immer mehr auf
Pressezeichnung, Illustration usw. heraus", sah Schäfer 1934 seine
Bestimmung. In diesem Medium äußert sich der Reiz, ein bestimmtes Thema oder
Motiv gestalterisch zu fassen, durch den individuellen Einsatz der
Ausdrucksmittel künstlerisch und gedanklich zu formen und zu einer
abschließenden Aussage und Wertung zu führen. Wilhelm Schäfer attestierte
seinem Sohn einen Humor und Sarkasmus, „der nicht allen Menschen erträglich
war". „Die Wirklichkeit seiner Sinne mit Humor angeschaut und aus der
Natur herausgerissen", so bezeichnete er das künstlerische Credo des
Bilderzählers. „Er hatte sich zu einem Humor durchgearbeitet, der für sein
Alter ebenso eine Frühreife bedeutete wie seine künstlerische Fähigkeit (...).
Und sein Zeichenstift ist wohl nicht unbeteiligt dabei gewesen: indem er
unermüdlich war, Individuelles zeichnerisch festzuhalten, musste er von selber
durch das Bezeichnende zum Typischen kommen; und wo das Typische erkannt wird,
fängt der Humor an. (...) Der Humor lag nicht in der Wahl seiner Gegenstände,
sondern in der Anschauung."
Die
ersten Illustrationen datieren von 1927, als Schäfer die Schrift seines Vaters
über den Pädagogen und Sozialreformer Heinrich Pestalozzi mit anekdotischen
Einzelszenen in Tuschfeder versah. Seine herausragenden Fähigkeiten als
Porträtzeichner konnte er 1929 unter Beweis stellen, als er im Auftrag des
„Kreises der rheinischen Heimatfreunde" Bildnisköpfe der „100 deutschen
Dichter" anfertigte -darunter Bert Brecht, Theodor Däubler, Alfred Döblin,
Lion Feucht-Wanger, Gerhard Hauptmann, Thomas Mann, Carl Sternheim, Carl
Zuckmayer und viele andere -, die im Juni 1932 in der Zeitschrift „Die rheinischen
Heimatblätter" publiziert wurden. Eine mutige Karikatur auf die alliierten
Besatzungstruppen im Rheinland brachte Schäfer 1930 mit der kolorierten
Polit-Satire „Der Frieden Europas kann als gesichert gelten"
zu
Papier, die zwischen skurrilem Humor und harscher Kritik an Militarismus
changiert. Die Leser des „Koblenzer Nationalblattes" fanden Schäfers
Zeichnungen ab 1931 regelmäßig auf der Roman- und Witzseite ihrer Zeitung.
Weitere Illustrationen und Bildreportagen erschienen ab 1934 als Auftragsarbeiten
in der „Rheinisch-Westfälischen Zeitung" in Essen. Das „Goethe-Jahr
1932", zu dessen Festakt er den Vater nach Frankfurt begleitete, nahm
Schäfer zum Anlass für die gleichnamige, handlungs- und figurenreich angelegte,
offenbar für die „Presseschau" angefertigte Tuschfederzeichnung, die dem
hochverehrten Dichtergenie mit liebevoll-humoriger Respektlosigkeit begegnet.
Das
enorme zeichnerische Talent kulminiert in den facettenreichen Bilderzählungen,
in denen Schäfer mit jeweils wenigen Einzelszenen eine kurze, humorvolle
Episode mit stets hohem Unterhaltungswert vor den Augen des Betrachters
entfaltet. Dazu gehören die Bildfolgen „Solo" und „Anhalten" von 1928
ebenso wie die geradezu grotesk-surreale „Begegnung im Zoo" von 1930, die
lustigen Blätter „Hermann in der Küche" und „Badende" sowie
Zeichnungen wie „Der schönste Wagen von der Welt...", die Schäfer 1933 für
das Bilderbuch seines Neffen „Emil" schuf. Knappe Bildunterschriften
erläutern und kommentieren teilweise das Dargestellte. Klar und fest umrissen
artikuliert sich Schäfers prägnanter Zeichenstil in den letzten Jahren. Die
kompromisslose Reduktion von Linie, Form und Farbe auf das Wesentliche trägt
entscheidend zur pointierten Wirkung und treffsicheren Bildaussage bei.
Die
Unwägbarkeiten des Künstlerdaseins thematisierte Schäfer 1932 in der
sechsteiligen Bildgeschichte „Moritat vom Maler Heinrich Übelschmeer". Das
kraftvolle Arrangement von Wort und Bild liefert unter dem Motto „Willst Du gut
leben, dann male nicht!" eine vergnügliche Kritik an den Verstrickungen
von Kunst und
Kommerz, schöpferischer Freiheit und
wirtschaftlichem Erfolg. Solche Arbeiten stehen exemplarisch für Schäfers
Überzeugung, dass künstlerisches Schaffen als moralische Instanz gilt, die
hintersinnige Deutungen erlaubt und mahnende Botschaften zu verkünden vermag.
In die Kategorie illustrativer Bilderzählungen gehört ebenso das „Reisebuch zu
Wilhelm Schäfers Italienfahrt", in dem der Sohn die im Frühjahr 1934
gemeinsam mit dem Vater unternommene Reise nach Ravenna bildgestalterisch
begleitete und die besuchten Stationen mit signifikanten Momentaufnahmen und
erfindungsreichen Gedichtversen dokumentierte. Perspektivische Verfremdungen,
dynamische Linienzüge und intensive Farbkontraste verleihen den Bildern eine
lebhafte Expressivität.
Gleichwohl
genoss Schäfers illustrations-orientierte Zeichenkunst wenig Ansehen: „Bei
verschiedenen Gesprächen in der letzten Zeit über „Kunst" traf ich
übrigens bei mehreren Leuten auf die mehr oder weniger unverblümte Ansicht: Na
ja, Du kannst ja ganz gut zeichnen, lebendig und lebensnah: aber Kunst, nein,
Kunst ist das nicht. (...) Zeichne ich also weiter, zeichne immer besser, dann
bringe ich es doch wahrscheinlich mal zum „erstklassigen" Zeichner und
kann mich dann wenigstens unter Seiltänzern, Kunstradfahrern und ähnlichen
Equilibristen mit Anstand bewegen", schrieb Schäfer nicht ohne
Selbstzweifel im Dezember 1934 an den Vater.
Ebenfalls
1934 erfolgte der obligatorische, berufsbedingt erzwungene Beitritt zur
„Reichskammer der bildenden Künste". Diesem nationalsozialistischen Macht-
und Unterdrückungsapparat begegnete Schäfer mit schroffer Ablehnung „(...) weil
einem wirklich nichts daran liegen kann, unter das Kommando von Herren zu
kommen, deren künstlerische Bildung sich schon so fabelhaft bewiesen hat."
Unter dem Diktat des NS-Regimes verschlechterten sich die Bedingungen für
fortschrittlich gesinnte und kritisch eingestellte Künstler mit moderner
Bildauffassung zusehends. „Aber wenn's so ist, dann will ich mich immer noch
lieber in ihrer Gesellschaft [Babberger, Gehri, Conz, Altherr und Greferath, d.
V] befinden, als bei meiner „zuständigen Landesstelle der R. d. b. K.",
erteilte Schäfer der nationalsozialistischen Diffamierungskampagne eine klare
Absage. Als Vorbild für seinen markanten Zeichenstil erwähnte Schäfer zuletzt
den norwegisch-deutschen Karikaturisten Olaf Gulbransson (1873-1958), dessen
knappe Formensprache, klare Konturführung, „klassische Einfachheit" und
gesellschaftskritische, linksliberale und vielfach gegen Materialismus,
Chauvinismus und Militarismus opponierende Grundhaltung er „über allen anderen
Zeichnern" schätzte.Es muss stark bezweifelt werden, letztlich aber offen
bleiben, ob Schäfers Kunstwollen vor diesem Hintergrund im Dritten Reich
überhaupt weitere Entwicklungsmöglichkeiten gehabt hätte.
Mit seinem Gesamtwerk hat Hermann Schäfer einen eigenständigen Beitrag zur modernen rheinländischen Kunst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geleistet. Aus seinem Wirken, vor allem den Aquarellen und Zeichnungen, spricht eine individuelle Welterfahrung, die stets den scharfsinnigen und kritischen, dennoch nachsichtigen und humorvollen Menschen hinter den Bildfindungen hervortreten lässt. Es verrät sich eine Künstlerpersönlichkeit, die - bisweilen auch politisch -engagiert Anteil nahm an der Lebenswirklichkeit und Zeitstimmung der von heftigen Auf- und Umbrüchen zerrissenen Epoche der 20er und 30er Jahre; die aber häufig auf Distanz ging und die Dinge mit hintersinniger Attitüde bewusst überspitzte. Eine unverwechselbare Position behauptete er vorrangig in der humoristischen Zeichenkunst seiner Zeit. Dabei pflegte Schäfer keinen pessimistischen oder schwermütigen Blick auf seine Umwelt, vieles erscheint eher leicht, heiter und beschwingt, durchdrungen von Charme und Witz. Mit realitätsnaher und tiefgründiger, vielfach expressiver Ausdrucksgebärde spürte er dem Glanz und Glamour der prestigeträchtigen Vergnügungen in Sport und Gesellschaft nach. Hunger, Not und Elend, soziale und wirtschaftliche Missstände blieben ausgeblendet. Den schonungslosen, sozial engagierten Verismus eines Otto Dix (1891-1969) oder George Grosz (1893-1959) sucht man in seinem Schaffen vergebens. Schäfers Gemälde und Zeichnungen halten die Balance zwischen Lebenswirklichkeit und Bildrealität, spiegeln hohe Sensibilität und ironische Gebrochenheit zugleich. Seine Bildschöpfungen zwischen Rennstrecke, Tanz, Musik, Theater, Kino, Variete, Cabaret, Kneipe, Cafe und Zirkus, zwischen Farbe und Linearität, Reportage und Erzählung, Humor und Gesellschaftskritik, Illustration und Werbegrafik, offenbaren eine zeitaktuelle, konsequent auf das Hier und Jetzt fokussierte Weltsicht im Spannungsfeld zwischen Tempo und Tango.