Zwischen
Reklame und Kunst - Hermann Schäfers Werbegrafiken
Renate
Ebner
Grenzüberschreitungen
gehören zum Wesen der Moderne. Die Wechselwirkungen zwischen moderner
Kunstauffassung und Alltagskultur stellen einen der wichtigsten Aspekte des 20.
Jahrhunderts dar. Im Zeichen wachsender Massenkultur und Verstädterung,
zunehmender Konkurrenz und Kommerzialisierung, erlebte künstlerisch
ansprechende Werbung eine Blütezeit. Im Spannungsfeld zwischen Inflation,
Weltwirtschaftskrise und dem gesteigerten Konsumverhalten vergnügungssüchtiger
Gesellschaftsschichten der vielbeschworenen „Goldenen 20er" erfuhr die
Werbebranche in Deutschland einen enormen Aufschwung. Reklame avancierte zum
Massenmedium und bot zahlreichen, fortschrittlich orientierten Künstlern neue
Entfaltungsmöglichkeiten. Vor diesem zeit- und kulturgeschichtlichen
Hintergrund ist das werbegrafische Wirken Hermann Schäfers zu beleuchten.
Die
faszinierenden Themenwelten zwischen „Tempo und Tango", die Hermann
Schäfers malerisches und zeichnerisches Oeuvre stark dominieren, regten den
jungen Künstler auch zur Erprobung seiner künstlerischen Fähigkeiten auf dem
Gebiet der Werbegrafik an. Nach dem Ende seiner Lehrzeit bei Johannes Greferath
in Köln versuchte Hermann Schäfer als freischaffender Künstler seinen
Lebensunterhalt zu bestreiten und unternahm mehrere Vorstöße, um im Bereich
zwischen Pressewesen und Reklamewelt Fuß zu fassen. Von 1930 bis zu seinem
frühen Tod im Herbst 1936 entstand ein eigenständiger, oftmals expressiv
gestalteter, gleichwohl recht überschaubarer Werkkomplex an
Werbegrafikentwürfen, der hauptsächlich Motive seiner favorisierten
Interessensbereiche Automobil, Theater, Konsumgüter und Reisen ins Blickfeld
rückt. Über die Entstehungsgeschichte oder die näheren Umstände, die Schäfer zu
diesen Arbeiten veranlasst haben, ist nahezu nichts bekannt.
Die
gängige Praxis bekannter Markenfirmen bestand in der Ausschreibung
großangelegter Reklame-Wettbewerbe, die zum Teil mit hochkarätigen Jurien
besetzt waren und die prämierten Arbeiten anschließend auf Wanderausstellungen
zeigten. Da sich für die meisten Werbe-Entwürfe Hermann Schäfers keine
gesicherten Angaben über den Entstehungshergang erhalten haben, können nur
anhand von gestalterischen Indizien oder Vermerken des Künstlers vage Vermutungen
angestellt werden. Sämtliche Nachforschungsbemühungen in den betreffenden
Firmenarchiven nach den hier vorgestellten Entwürfen Hermann Schäfers verliefen
entweder negativ oder erbrachten keine verwertbaren Ergebnisse. Dieser Umstand
erlaubt den Rückschluss, dass die Entwürfe Schäfers wohl nicht durch konkrete
Aufträge oder Wettbewerbe zustande kamen, sondern vielmehr aus persönlichem
Antrieb als eigenständig motivierte Entwürfe entstanden sein müssen. Neben der
reizvollen Aussicht auf erfolgreiche Veröffentlichung in Zeitungen,
Zeitschriften oder auf Plakatsäulen, diente Schäfers werbegrafisches Engagement
in erster Linie eher wirtschaftlichen Überlegungen, nämlich der Sicherung des
eigenen Lebensunterhaltes. Zwar konnte er schon Erfahrungen und Erfolge als
Illustrator vorweisen, aber jene Arbeiten waren zumeist auf Vermittlung seines
Vaters zustande gekommen. Um finanziell unabhängig bestehen zu können, besann
sich Hermann Schäfer auf seine künstlerische Begabung und die stark
ausgeprägten gestalterischen Fertigkeiten, die er während seiner Studienzeit an
der Karlsruher und Stuttgarter Akademie sowie dem Lehrjahr in Köln weiter
ausgebildet hatte: die schnelle Auffassungsgabe, das sichere Gespür für
Flächenaufteilung und sein herausragendes zeichnerisches Talent. In den
folgenden Jahren bemühte sich der junge Künstler, diese Fähigkeiten im Bereich
der Werbegrafik, im Pressewesen und weiterhin für Illustrationen anzuwenden.
Thema
Tempo
Hermann
Schäfers leidenschaftliche Begeisterung für Automobile, Rennsport und
Geschwindigkeit ließ sich mit den charakteristischen Stilmerkmalen der
expressiven Kunst sehr gut auf dem Werbesektor umsetzen. So gestaltete er 1930
den wirkungsvollen Entwurf „Typ SSK Ein Wunderwerk" für ein Plakat oder
einen Prospekt, der deutlich erkennbar das typische Mercedes-Benz-Signet trägt.
Die kompositionelle Anlage dieser Bildstudie zielt in ihrer suggestiven Wirkung
stark auf Dynamik und Geschwindigkeit. So „schießt" der Wagen geradezu von
rechts unten diagonal in das schmale Hochformat, wobei die starken
Überschneidungen des Werbeobjektes mit den Bildrändern den Eindruck von
Bewegung erzeugen. Eingefangen ist ein scheinbar flüchtiger Moment, der Wagen
könnte sich im nächsten Augenblick schon wieder aus dem Blickfeld des imaginären
Betrachters entfernen. Optisch gehalten, gleichsam gerahmt, wird die
bildbeherrschende, steil aufragende und aus der Vogelschau gezeigte Kühlerhaube
von diagonal gegenläufigen Schriftzügen am unteren und oberen Bildrand.
Wesentlichen Anteil an der eindringlichen Wirkung trägt neben der Komposition
die intensive, auf wenige Grundtöne reduzierte Farbanlage. Hermann Schäfer
verwendete weiße, rote und blaue Farbblöcke, begleitet von wenigen schwarzen
Elementen, um die klare Bildaufteilung zu unterstreichen und somit eine gut
lesbare und leicht verständliche Botschaft zu erzielen. Dieser Farb-Dreiklang
in Kombination mit Gestaltungselementen, die das Gefühl von Geschwindigkeit
vermitteln, findet sich häufig in seinen Entwürfen. Aus dem gleichen Jahr hat
sich das Blatt „Sport im Bild" erhalten, das nicht auf die Bewerbung einer
bestimmten Automarke abzielt, sondern vermutlich im Kontext mit der
gleichnamigen Illustrierten zu verstehen ist, die dem jungen „Autonarr"
sicherlich bekannt war. Seine handschriftliche Notiz „Titelblatt"
unterhalb der farbigen Tuschzeichnung bedeutet nicht, dass es sich hierbei um
die tatsächliche Realisierung eines konkreten Auftrags handelte, vielmehr
drückt sich darin das Selbstverständnis und das unbedingte Wollen Schäfers aus,
seine Entwürfe auf diesem Sektor zu verwirklichen.
Abgesehen
von den Unklarheiten der Auftragslage, besticht diese Arbeit erneut durch den
effektiven Einsatz der gestalterischen Mittel. Diesmal von links kommend, zieht
ein durch die Startnummer 12 gekennzeichneter Rennwagen mit zwei Insassen in
rasanter Fahrt eine schnittige Kurve in die Tiefe des Bildraumes, wobei die
umstehenden Lettern vehement zur Seite, teilweise sogar über den Bildrahmen
hinaus gestoßen werden. Vergleichbares zum Thema Geschwindigkeit findet sich
etwa in den Reklamegrafiken „NSU Automobile" von 1925 oder „Opel" von
1926.
Die
extrem niedrig angesetzte Horizontlinie findet sich auch bei dem unvollendet
anmutenden Automobilreklame-Entwurf des gleichen Jahres, wo die große leere
Himmelsfläche nur darauf zu warten scheint, den passenden Schriftzug
aufzunehmen. Die bewusste Konzentration auf den zugkräftigen Dreiklang von
blau, rot und weiß bewirkt im Zusammenspiel mit der großzügigen
Flächengliederung die von Schäfer intendierte, eindringliche Bildaussage, wobei
Automobil und dargestellter Umraum - ganz im Gegensatz zur vorangegangenen, eher
untypisch ausführlichen Schilderung - völlig ohne erklärende Details
wiedergegeben sind.
Hermann
Schäfers Werbe-Entwürfe stehen erkennbar in der Tradition des „deutschen
Sachplakates", das der Stuttgarter Grafiker Lucian Bernhard um 1905
entwickelt hatte. Er reduzierte seine Plakate auf die sachliche, keineswegs
aber fotografisch genaue Darstellung des Produkts und den Marken- bzw.
Firmennamen vor farbigem Hintergrund. Von den bis dahin beliebten
anekdotischen, allegorischen oder ornamentalen Plakaten hob sich die neue,
streng stilisierte Werbesprache als geradezu revolutionär ab und wirkte
innerhalb kürzester Zeit stilbildend. Auf Bernhard geht auch der auf
Monumentalisierung abzielende Einsatz von Schrift zurück, den Schäfer in seine
Gestaltungsintentionen übernahm. Die generellen Anforderungen an das
publikumswirksame Warenplakat jener Jahre lauteten: „Aufgabe des Plakates ist
es, Mittler zu sein zwischen der Warenherstellung und dem Verbraucher. Es soll
den flüchtigen Vorübergehenden, den kurz Verweilenden zwingen, zu sehen und zu
lesen, damit sich bei häufigem Sehen und Lesen der Entschluss zum Kaufe
herausbildet, und der Verbraucher, einmal gewonnen, nicht wieder abspringt. Die
Art der Bild- und Wortformung ist durch diesen Zweck gegeben: sie muss eindringlich
und kurz sein! (...) Da gibt es nur zwei Wege, gesehen und gehört zu werden:
entweder lauter zu schreien als die anderen oder
durch vornehme Ruhe inmitten der tobenden
Menge die Blicke auf sich zu ziehen."
Wintersport
Schäfers
starke Affinität zur Darstellung von Geschwindigkeit schlägt sich auch jenseits
des Automobilsektors im Bereich des sportiven Tourismusplakates nieder. Erneut
muss auch hierfür die Entstehungsgeschichte der Entwürfe im Unklaren bleiben.
Da Hermann Schäfer dem Wintersport zugeneigt war und auch immer wieder - wie
historische Fotografien belegen - Wintersportorte mit seinem Vater oder seiner
Lebensgefährtin Hedwig Bauer besuchte, liegt die Vermutung nahe, dass er sich
von gängigen Tourismusplakaten zu eigenen Kreationen anregen ließ, ohne dass
konkrete Aufträge oder Ausschreibungen vorgelegen haben müssen. Im Jahr 1931
ist eine Reihe von Plakatentwürfen entstanden, wobei „Zürs am
Arlberg" als besonders gelungen
herauszuheben gilt. Der schneebedeckte Hang teilt das Hochformat in eine blaue
Himmels- und weiße Schneefläche. Als dynamisches Element fungiert der
Skifahrer, der sich dem Betrachter aufgrund der hohen Geschwindigkeit wiederum
nur von hinten und aus der Untersicht zeigt. Seine Stöcke greifen weit in den
Bildraum aus und erzeugen mit dem wegspritzenden Schnee, der die schnittige
Bewegungslinie nachzeichnet, einen stark bewegten Gesamteindruck. Abermals die
durchschlagende Wirkung des vertrauten Farb-Dreiklanges nutzend, ist die
Schrift in blauen und roten Lettern vor weißem Hintergrund effektvoll
platziert.
Viele
gängige und erprobte Werbemotive verwendeten diesen wirkungsvollen
Farb-Kontrast, wie die Schokoladen-Reklame von 1910 exemplarisch belegt.
Zwei
weitere, gleichzeitig geschaffene Entwürfe „Wintersport Arosa" und
„Hochtouren Kandersteg" weisen ebenfalls diese von Hermann Schäfer
favorisierte Farbzusammenstellung auf, sind aber in ihrer Bildwirkung viel
weniger stark auf Dynamik angelegt. Der nahsichtige Blick auf die Füße eines
Skiläuferpaares stellt Schäfers treffliche Beobachtungsgabe sowie seinen
ausgeprägten Sinn für humoristische Töne und groteske Szenerien einmal mehr
unter Beweis. Nicht die prächtige Bergwelt oder die Schönheiten der
winterlichen Landschaft werden werbewirksam „ausgeschlachtet", Schäfer
pflegt einen eigenwilligen Blickwinkel und rückt lieber belanglos wirkende
Details in den Mittelpunkt.
Großstadtvergnügen
Ein
weiterer wichtiger Motivkreis im Werkkomplex der Werbegrafik-Entwürfe greift auf
die eigentliche Urthematik des Künstlerplakates im Paris des ausgehenden 19.
Jahrhunderts, das schillernde Milieu zwischen Theater, Revue und Cabaret,
zurück. Aus diesem Kontext heraus entstanden 1932 Plakat-Entwürfe für das
„Apollo Theater" in Düsseldorf sowie die nicht näher bezeichnete
Entwurfserie „Kitsch ist Trumpf, die vermutlich ein damaliges Bühnen-Programm
thematisiert.
Das
in Hermann Schäfers Oeuvre intensiv beleuchtete Themenspektrum abendlicher
Vergnügungen im Kreis einer illustren Gesellschaft - sei es im Variete, Zirkus,
Theater, in der Bar oder beim Tanz - offenbart, dass der Künstler selbst immer
wieder gerne solche Orte und Treffen aufsuchte, um seine Beobachtungen
anzustellen und gleich an Ort und Stelle zu skizzieren. Das Apollo Theater
diente seit 1898 nicht nur für Theaterzwecke, sondern auch für
Zirkusvorstellungen, Konzerte, öffentliche Veranstaltungen, Bälle und
Ausstellungen, um den gesteigerten Bedürfnissen der Gesellschaft nach Amüsement
und Unterhaltung nachzukommen. 1930 wurde das Theater dem Geschäftsbetrieb der
UFA Berlin übergeben. Zwar lag nun das Hauptgewicht des Programms auf
Filmvorführungen, das Varieteprogramm bestand jedoch weiterhin aus wenigen,
erstklassigen Nummern. Es darf als sehr wahrscheinlich gelten, dass Hermann
Schäfer diese Düsseldorfer Institution mehrfach besuchte. Für seinen
vorliegenden Plakatentwurf verwendete er die markante Kreisform, die noch heute
das Signet des Apollo Theaters prägt. An den rechten Bildrand gerückt, dient
das große weiße Rund als Hintergrund für die beiden Hauptakteure, eine mondäne
Dame mit langen Handschuhen und Fächer, begleitet von einem athletischen Mann
im knappen Turndress. Die für die Theaterbranche typische Schlaglichtregie
setzte Schäfer effektvoll und gezielt in Szene, so als würde die Beleuchtung
der Protagonisten durch einen Scheinwerfer von links unten erfolgen. Entlang
des farbig eingefassten Kreiselementes verläuft im oberen Bereich der
Namenszug, während im unteren Drittel zwei versetzt und leicht schräg angeordnete
Textzeilen, die geschickt als Belebung der eher statischen Komposition
fungieren, den Personen darüber hinaus Standfläche bieten. Der reduzierte
Farbeinsatz der wenigen gebrochenen Töne trägt der strengen und monumentalen
Bildwirkung Rechnung.
Völlig
im Unklaren liegen Anlass und Thema der Serie „Kitsch ist Trumpf, die von einem
Theaterstück, einem Cabaret-Programm, einem Kinofilm oder einem literarischen
Stoff inspiriert sein könnte und Hermann Schäfer zu einer Vielzahl von
Entwürfen veranlasste. Gemeinsam ist allen das Entstehungsjahr 1932 sowie die
enorme gestalterische Experimentierfreude und überaus reiche Variationsbreite
hinsichtlich Motiv-Variationen und Stilistik: zu erwähnen sind der Entwurf mit
dem händchenhaltenden Paar, der mondänen Dame mit den langen schwarzen
Handschuhen, sowie den beiden Herzen mit Zylinder und Herrenhandschuhen, die
von einem Dolch durchbohrt werden. Sehr abwechslungsreich geht neben der
kompositionellen Bildanlage auch der Umgang mit Schrift vonstatten. Die Lettern
sind nicht nur in Bezug auf Typographie, Anordnung, Farbe und Größe
verschieden, Hermann Schäfer spielte teilweise sogar mit den Bedeutungsebenen
und verwendete Schrift als primären Ausdrucksträger, den Menschen hingegen als
Dekorelement, wie im Entwurf mit dem verliebten Pärchen zu beobachten ist. Dass
es sich bei den vorgestellten Papierarbeiten wohl eher um Ideenskizzen und
weniger um realisierte Plakate handelt, belegt der deutlich sichtbare,
unvollendete Studiencharakter.
Das
spielerische Agieren Hermann Schäfers mit unkonventionellen Stilmitteln und
seine Lust am Erproben innovativer Ausdrucks- und Wirkungsweisen offenbart sich
auch im 1934 entstandenen Werk „Cabaret"
. Hierbei wurde der Titel nicht als zeichnerisches Element ausgeführt, sondern
aus Stanniolpapier ausgeschnitten und auf die Papierarbeit collagiert. Dieser
unorthodoxe Materialeinsatz diente dem Künstler als Abwechslung von tradierten
gestalterischen Elementen.
Eine
weitere Entwurfs-Serie, deren Umstände nicht näher verifiziert werden können,
erarbeitete Hermann Schäfer 1933. Ob es sich bei „Ahoi Hawaii" um
Werbegrafik für den exotischen Tourismussektor oder um Reklame für ein
bestimmtes Produkt handelt - denkbar wären etwa Körperpflegemittel - lässt sich
heute nicht mehr eruieren. Als Konstante beider Versionen erscheint das Motiv
der dunkelhäutigen, schwarzhaarigen Südseeschönheit, die mit Blumenschmuck
bekränzt ein Paddel in der Hand hält. Während der Entwurf mit dem dominanten
roten Hintergrund statisch, kompakt und geradezu monumental wirkt, weist die
unvollendet anmutende zweite Bildskizze eine dynamischere Anordnung von Motiv
und Schrift sowie eine bewegtere Linienführung und somit einen
ausdrucksstärkeren Gesamteindruck auf. Als Plakat oder Werbeanzeige wäre
sicherlich die erstgenannte, rote Version aufgrund ihrer größeren
Durchschlagkraft der zaghafter ausgeführten Bildidee vorzuziehen. Auffällig ist
jedoch, dass Hermann Schäfer nicht die landschaftlichen Vorzüge des
Südseeidylls schilderte, sondern die klischeehafte Assoziation des Betrachters
mit der verheißungsvollen, fremden Schönheit bediente.
Produktwerbung
Auf
plakative Eindringlichkeit und nachhaltige Wirksamkeit ausgerichtet ist auch
der von Schäfer gestaltete Bierglasuntersetzer für die alteingesessene
„Königsbacher Brauerei" in Koblenz. Motivisch ordnete er sich der
vermutlich vorgegebenen Textzeile „Zwei Seelen, ein Gedanke:
Königsbacherbräu" unter und setzte zwei sich verbrüdernde Trinkkumpane mit
gefüllten Biergläsern mittig in Szene. Obwohl es sich um eine der wenigen,
nachweislich ausgeführten Werbegrafik-Arbeiten Hermann Schäfers handelt, müssen
auch hier die Begleitumstände im Vagen verbleiben. Unklar ist bis heute, ob das
Werk auf Grund eines konkreten Auftrags, eines gestalterischen Wettbewerbs oder
eines unverlangt eingereichten Entwurfs zu Stande kam. Da der Bierdeckel sehr
traditionell gestaltet ist, liegt die Vermutung nahe, dass Hermann Schäfer
nicht aus eigenem schöpferischen Antrieb, sondern anhand direkter Vorgaben ohne
besonderen gestalterischen Spielraum agierte. Geradezu konventionell und
traditionsverhaftet fallen auch die von Schäfer gestalteten Flaschenetiketten
für das „Wein- und Obstgut Härle" (Karthäuser Hof) in Koblenz aus. Zur
Illustration von Apfel- und Traubensaftetiketten verwendete er die
entsprechende Obstsorte als jugendstilhaftes Rankenornament um die mittig
angeordnete Beschriftung.
Zwar
belegen diese kleineren Arbeiten aus dem Bereich der grafischen
Produktgestaltung, dass Hermann Schäfer durchaus Aufträge ausgeführt hat, sein
großartiges kreatives Potential hierbei allerdings nicht ausschöpfen konnte. So
äußert er sich in einem Brief an seinen Vater auch sehr sarkastisch zu diesen
„Brotaufträgen": „Ich habe, wie gewöhnlich in dieser Jahreszeit allerlei
zu tun, zwar sind viele Aufträge „ehrenhalber", aber ein wenig ist auch
richtig dabei, ich hoffe sogar auf einen „Industrieauftrag", aber der
steht noch etwas auf einem Bein. Ausgerechnet um „Bleyle"-Knabenbekleidung
handelt es sich; dem Zeug nach, was ich dieses Jahr so gemacht habe, bin ich
doch wohl auf dem Wege, ein zweiter Menzel zu werden. Und das tröstet mich
immer wieder bei meiner „Markenbutter", dem „Karthäuser Klatschkäse"
und dem „Möbelhaus Mayer". Und sogar einen Eisenwalzer habe ich schon
gemalt, für den „Rasselstein" in Neuwied, ganz echt mit sprühendem Stahl
und nacktem Oberkörper, ä la Arthur Kampf. Er kommt vorne auf die
Blechpreisliste für Südamerika!" 1935 gestaltete Schäfer mehrere
Produkt-Entwürfe, darunter auch für die renommierte Marke „Reichardt Schokolade".
Dass er in den beiden vorliegenden Varianten sowohl den offiziellen Namenszug
als auch das wappenartige Signet der Firma einarbeitete, lässt vermuten, dass
diesen unvollendet gebliebenen Entwürfen ein Wettbewerb vorausgegangen ist.
Während die schmuckvolle Version „Monica" eine für den Künstler eher
untypische, florale Gestaltung erhält, tritt im Entwurf „für den Abend"
das im Werk Schäfers häufig vorkommende galante Paar aus den höheren Kreisen
auf. Der Typus des Dandy im Abendanzug, mit Monokel, Zigarette und weißer Blume
im Knopfloch begegnet uns dann auch im Entwurf für die bekannte Likörmarke
„Bols" des gleichen Jahres wieder. Dass es sich dabei um ein herkömmliches
Muster - insbesondere für Werbung von Alkoholika - handelt, zeigt der Vergleich
mit einer Reklameanzeige für „Curacao" von 1924. Beim Käufer sollte der
Eindruck geweckt werden, durch bestimmte Genussmittel könne die
gesellschaftliche Leiter erklommen und sich die Zugehörigkeit zu einer
bestimmten Schicht erkauft werden.
Für
die angeführten Werbegrafik- und Plakatentwürfe Hermann Schäfers, die nahezu
sämtlich durch ein hohes Maß an aussagekräftigen Bildideen, kreativer Umsetzung
und gestalterisch-handwerklichem Können bestechen, muss stets die Frage der
Realisierung offen bleiben. Es ist vom heutigen Kenntnisstand nicht mehr
nachvollziehbar, ob diese Arbeiten zu Wettbewerben oder unverlangt an die
betreffenden Firmen geschickt wurden, oder ob sie dem Künstler lediglich aus
persönlich motiviertem Interesse gewissermaßen als „Fingerübungen" zur
stetigen Verbesserung in seinem erwählten Betätigungsfeld als Grafiker dienten.
Nachweislich und zweifelsfrei realisieren konnte Schäfer lediglich kleinere
Reklamearbeiten für lokale Auftraggeber, die ihm keinen großen gestalterischen
Freiraum einräumten. Die Werbewelt der Luxusprodukte, die seine Phantasie
weitaus stärker beflügelten und ihn zu konzentrierten, effektvollen und
werbewirksamen Entwürfen anregten, blieb ihm hingegen verschlossen.